Entretien — Écrit

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„Das wahre Opfer ist bei uns immer der Israeli"

2010 — Zenith — Zeitschrift für den Orient, n°3/2010 — Allemand

Entretien mené par Dörthe Engelcke pour le magazine allemand Zenith — Zeitschrift für den Orient, à l'occasion de la sortie de Jaffa, la mécanique de l'orange (« Jaffa – The Orange's Clockwork ») en Allemagne. Sivan y revient sur la symbolique de l'orange dans le conflit israélo-palestinien, sur le lien entre son film et Orange mécanique de Stanley Kubrick, sur son expérience du financement public du cinéma en Israël, sur Valse avec Bachir qu'il juge « non critique », et sur son rapport, depuis Londres, à un pays qu'il ne peut jamais vraiment quitter.

zenith : Wofür genau steht die Orange in Ihrem Film?

Eyal Sivan : Die Orange ist vielleicht das einzige gemeinsame Symbol, das Israelis und Palästinenser haben; was natürlich nicht bedeutet, dass sie für beide Seiten die gleiche Bedeutung hätte. Für Israelis und Zionisten verkörpert die Orange nationalen Stolz und die zionistische Idee par excellence: eine trostlose Einöde in fruchtbares Land zu verwandeln. Für Palästinenser symbolisierte die Orange das Land Palästina selbst, weil Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Land der Orangen bekannt war. Und später stand sie für die Zerstörung ihres Landes und die Vertreibung.

zenith : Wenn man den Titel hört, denkt man automatisch an Stanley Kubricks Film »The Clockwork Orange«, der die Gewalt als Freizeitbeschäftigung thematisiert. In Ihrem Film sieht man jedoch keine Gewaltszenen. Inwieweit besteht eine inhaltliche Verbindung zwischen Kubrick und Ihrem Film?

Eyal Sivan : Stanley Kubricks Idee der Gewalt als Teil der Identität war für mich ein wichtiges Element. Man ist entweder derjenige, der verletzt, oder derjenige, der verletzt wird. Hinzu kam Walter Benjamins Idee der Mechanik des Bildes. Bilder erlangen ihre Bedeutung durch ständige Reproduktion — wie etwa in Werbefilmen, die »Jaffa-Orangen« anpreisen —, und dadurch wird das Bild ein Teil der eigenen Identität und Moral. Dieser mechanische Prozess wird ja auch im Sinnbild des Uhrwerks wieder aufgegriffen.

zenith : Wann kam die Orangenproduktion in Palästina zum Erliegen?

Eyal Sivan : Nach 1948 installierten die Israelis Wassermesser in den Orangenhainen. Bis dahin hatten Palästinenser nicht für Wasser bezahlt. Auf einmal war Wasser sehr teuer. Die Menschen konnten es sich nicht leisten und die Bäume begannen zu sterben. Seit den 1990ern rodete Israel die Orangenbäume aus Sicherheitsgründen, weil sich angeblich Terroristen in den Orangenhainen verstecken. Stattdessen gab man den Palästinensern Erdbeerpflanzen, weil man sich zwischen denen nicht verkriechen kann.

zenith : Sie haben sich für Ihren aktuellen Film um finanzielle Unterstützung beim »Cinema Project« und der »Jerusalem Cinemathèque« beworben. Ist das nicht heuchlerisch, Geld von einer Regierung zu nehmen, die man verachtet?

Eyal Sivan : Ich hatte zuvor noch nie um israelische Fördermittel geworben. Alle meine Filme wurden unabhängig produziert. Dann erzählte mir ein Freund von einem israelischen Filmwettbewerb zum Thema Geschichte Israels durch Archivmaterial. Ich habe eher aus Spaß mitgemacht, weil ich mir sicher war, dass ich lustig und natürlich nicht gewinnen würde.

zenith : Aber dann sprach man Ihnen das Geld zu …

Eyal Sivan : Ja, es war unglaublich. Die Jury entschied, dass mein Projekt gewinnen sollte. Nach der Entscheidung zog der israelische Fonds sein Geld zurück und sagte den Wettbewerb ab. Es dauerte sechs Monate, bis es einen neuen Wettbewerb gab. Man rief mir dazu zusammen und sie stimmte erneut für mein Projekt. Aber dann begann eine Medienkampagne, die sogar eine Diskussion im Parlament auslöste. Die Tageszeitung Ma'ariv veröffentlichte eine Titelgeschichte unter der Überschrift »Von der Unabhängigkeit bis zum Selbstmord«. Gemeint war: Mit Geld für die Produktion eines Films zu gewinnen, bedeute so viel wie seinen eigenen Selbstmord zu finanzieren. Es gab sogar einen Gesetzesentwurf, der besagte, dass Nichtzionisten keinen Zugang zu öffentlichen Fördergeldern erhalten sollten. Ich entschied daraufhin, mich nicht mehr um das Geld zu bewerben.

zenith : Nichtsdestotrotz hatte Ihnen das Geld ursprünglich zugestanden, obwohl man weiß, dass die Jury es kritisch sieht. Ist das nicht Ausdruck einer kritischen Reflexion des eigenen Staates?

Eyal Sivan : Es war eine professionelle Jury, die aufgrund künstlerischer Gesichtspunkte abgestimmt hat. Die Tatsache, dass wir sie hervorheben, dass die israelische Regierung kritische Filme fördert, zeigt doch schon, dass etwas nicht stimmt. Niemand sagt: »Oh, wow, die deutsche Regierung gibt Fatih Akin Geld, um Filme über die schwierigen Lebensbedingungen für Türken in Deutschland zu drehen«. Es ist normal, dass ein Staat Geld für künstlerische Produktionen ausgibt. In Israel wird dieser eigentlich ganz normale Sachverhalt aber ständig hervorgehoben. Die französische Zeitung Libération hat gerade einen Artikel darüber veröffentlicht, wie Israel das sogenannte kritische Kino als Schaufenster nutzt.

zenith : Können Sie uns ein Beispiel geben?

Eyal Sivan : Nehmen Sie nur den israelischen Film, der dieses Jahr für einen Oskar nominiert war. In »Ajami« führten ein israelischer Filmemacher, Yaro Shani, und ein palästinensischer Regisseur, Scandar Copti, Regie und wurden vom israelischen Filmfonds gefördert. Kurz vor der Oscar-Verleihung wurde Copti vom israelischen Fernsehen auf dem roten Teppich in Hollywood gefragt, wie er sich fühle, den israelischen Staat zu repräsentieren. Er antwortete: »Ich repräsentiere den israelischen Staat nicht, da der israelische Staat mich auch etwas nicht repräsentiert.« Das war ein riesiger Skandal in Israel.

zenith : Wie wurde der Trickfilm »Waltz with Bashir«, der den Libanon-Krieg aufarbeitete, in Israel aufgenommen?

Eyal Sivan : Als großartiger Exportschlager, der Israel weltweit viel Ehre einbringt. »Waltz with Bashir« ist ein cineastisches Meisterwerk, aber kein besonders kritischer Film. In dem Film geht es um einen traumatisierten ehemaligen Soldaten, der nach seinem Gedächtnis sucht und am Ende seine Erinnerung wiederfindet. Und was ist seine Erinnerung? Ist es die gleiche Erinnerung all derjenigen, die 1982 Fernsehen geguckt haben. Es sind dieselben Bilder. Wir erfahren nichts, was er wirklich getan oder gesehen hat. Das bedeutet, dass es in Wahrheit keine Erinnerung hat. Er hat ein kollektives Gedächtnis. Dieser Film, der vorgibt, gegen das Vergessen und die Verleugnung zu kämpfen, ist ein Film der Verleugnung und des Vergessens.

zenith : Immerhin spielt der Film doch auf Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen an, vor allem auf das Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila.

Eyal Sivan : Sieht man das, welche Rechte verletzt wurden? Hat man sie wie in vielen anderen Kriegsfilmen den Feind, die Araber, gesehen? Nein. Das wahre Opfer des Konflikts ist immer der Israeli. Das ist in »Waltz with Bashir« nicht anders. Die Israelis sind der, die traumatisiert und leidet. Er ist das menschliche Wesen, das unter inneren Konflikten leidet. Das ist Teil des israelischen Narrativs: Selbst wenn wir Täter sind, sind wir immer wieder Opfer dieser schrecklichen Situation.

zenith : Sie unterrichten und leben heute in London. Planen Sie, irgendwann nach Israel zurückzugehen, oder haben Sie das Land dauerhaft verlassen?

Eyal Sivan : Physisch habe ich Israel bereits sehr oft verlassen, aber die Idee des Weggehens ist problematisch. Ich habe Israel verlassen, aber Israel lässt mich niemals los. Im Jahr 1985 ging ich zum ersten Mal. Seitdem kehre ich regelmäßig zurück, etwa um zu unterrichten. Manchmal fragen mich die Menschen, wann ich denn ganz zurückkommen wolle. Ich sagte, wenn die Besatzung und die Apartheid enden. Dann bekam ich stets dieselbe Antwort: »Oh, du wirst also nie zurückkehren.«

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Source : Entretien avec Eyal Sivan mené par Dörthe Engelcke, « „Das wahre Opfer ist bei uns immer der Israeli" », Zenith — Zeitschrift für den Orient, n°3/2010, p. 72-73.